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4500km per Velo durch Kälte und manchmal gar Schnee nach Istanbul - und wieder zurück nach Winterthur

Anfahrt:
Winterthur-Italien-Slowenien-Kroatien-Montenegro-Albanien-Mazedonien-Griechenland-Türkei
Heimweg:
Türkei-Griechenland-Italien-Schweiz-Liechtenstein-Oesterreich-Schweiz Fährstrecken: Rijeka-Dubrovnik, Westküste Türkei-Piräus/Athen, Patras-Ancona

Eine Veloreise durch das Neue Europa im Osten - zunächst für drei Monate Richtung Süden, in der Hoffnung, dort ETWAS wärmere Temperaturen anzutreffen. Leider ein Trugschluss, herrscht doch klirrene Kälte in Südosteuropa, um ein Haar wäre ich kurz vor Istanbul im Schnee steckengeblieben - aber auch die Sturmböen mit Spitzen von fast 100km/h haben mir zusammen mit der verschneiten Fahrbahn mehr als genug Schwierigkeiten bereitet. Aber nun mal alles ganz der Reihe nach, es ist der 16. Januar 2008, wie ich mich zusammen mit Adamo bei zunächst strömendem Regen aufmache, meinen Sabbatical zu starten, ohne klares Ziel und ohne genaue Idee, wie lange ich unterwegs sein werde - ausser bezüglich der ersten gut zwei Wochen, in denen wir nach Thessaloniki in Griechenland kommen müssen, damit Adamo seinen Rückflug nicht verpasst. Dann werde ich auf mich alleine gestellt sein - alles weitere wird sich geben, irgendwie..!

Route auf Google Maps (via Klick auf Karte)


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Reisebericht vom 5.2.08 (Thessaloniki, Griechenland - nach Abreise Adamo)

Die Fortsetzung des Berichts über die Balkan-Adventure-Tour, WinterTOUR, TorTOUR oder unter welchem Namen auch immer diese Reise in die Annalen der Weltgeschichte eingehen wird – hier kommt sie, mit grosser Verspätung zwar, aber immerhin..

Die nun folgende Weltliteratur wird einer Klause des Hotel Tourist (sehr sinniger Name..) in Thessaloniki zugeordnet werden können, einem altehrwürdigen Bau mit hohen Decken und nicht sehr sorgfältig vergoldeten Stuckaturen und Friesen, einem Familienbetrieb wie er im Buche steht, alle sind hier irgendwie miteinander verwandt, alle sehr freundlich und aufmerksam, sogar die Velos haben ein Plätzchen im Getränkekeller gefunden. Dies ganz im Gegensatz zu den ca. 20 (!) zu Fuss abgelaufenen anderen Hotels, die am Ankunftstag meist ausgebucht oder unerschwinglich teuer waren – und die alle auf das Trottoir (ohne Helvetismen geht gar nichts, wer wird denn von so was Unsäglichem wie einem Gehsteig sprechen..) verwiesen. Genau dort mussten unsere Göppel dann für die erste Nacht denn auch geparkt werden, immerhin unter Aufsicht eines gegenüber postierten Polizisten.

Thessaloniki – schon der Name hat diesen bestimmten Klang von Grösse und Bedeutsamkeit, von Kultur und Geschichte, von Griechen und Römern, Mazedoniern und Türken – und dann die Wirklichkeit: Endlose Vorstädte, nervöser Verkehr, hässliche Häuser.. und trotzdem strotzend vor Selbstbewusstsein, abertausende von stylischen Jungs und aufgebretzelten Girls, Clubs, Bars und Cafés ohne Ende, Lounges draussen auf der Strasse, kilometerweit, Winter hin oder her, es gibt schliesslich Heizstrahler, diese „Gas-Sonnen“ die hier in der wohl weltweit höchsten Dichte pro m2 Stadtfläche vor sich hin brüten. Werden die erst durch mobile Kleinst-Atomreaktors (die sind ja soo umweltfreundlich..) ersetzt ist der Klimawandel bestimmt kein Thema mehr...

Dies unsere erste Bekanntschaft mit der Stadt am Meer, ohne allzu grossen Bezug zu diesem (vor allem jetzt nicht, im Winter ist der Hafen zugesperrt, keine einzige Fähre zu sehen, lediglich weit draussen sind ein paar grosse Kähne vor Anker . Adamo ist bei unserer Ankunft noch schlechter drauf als ich, arg erkältet hängt er im FloCafé und wartet auf meine Rückkehr von der endlosen Stadtwanderung auf der Suche nach dem günstigen und optimal gelegenen Hotel. Wie wir dann endlich ein Zimmer des Hotel Luxembourg zu 90 Euro beziehen, geht’s ihm wieder besser, mir eher nicht, die an sich genialen Shimano-Treter, halbhoch geschnitten für den Winter- und Offroadeinsatz haben ihren Tribut gefordert, meine Unverträglichkeit für Druck auf dem Wrist lässt mich arg hinkend zurückkommen.

Trotzdem, das Erreichen des grossen Ziels sollte ja gefeiert werden, also rein ins Tavernenviertel beim gedeckten Markt, wo die Post grad nochmals abgeht, auch hier wieder alles rappelvoll, die Beizen um das doppelte oder dreifache erweitert durch Tische draussen auf der Gasse, abgetrennt durch Plastkplanen und aufgeheizt von... weiteren Heizstrahlern. Die Leute hier sind zwar noch immer jung und hip, die Stimmung ist aber schon sehr viel orientalischer und statt House gibt’s hier griechische Heuler, dargeboten live von 2 Mann/Frau-Combos in der Taverne selbst. Food ist selbstverständlich griechisch, Tsikitsaki (auch als Tsatsiki bekannt.. ;=), Dolmades, Salat mir riesigen Feta-Stücken drauf, für die Carnivoren Gegrilltes von was auch immer und natürlich immer alles zusammen serviert.. herrlich unkompliziert und immer herzhaft gut!

Am Sonntag dann Hotelwechsel ins schon erwähnte Tourist, zu 70 Euro das Zimmer inkl. Frühstück. Das Kämmerchen wird denn auch fleissig amortisiert, Adamo röchelt den ganzen Tag auf dem Bett vor sich hin – und verhindert damit, dass auch ich endlich mal etwas Nachholschlaf abbekäme. Am Abend nochmals eine Versuch, die gemeinsame Tour würdig abzuschliessen; in der ganz leicht alternativ angehauchten Bar mit roten Stehlampen am Küsten-Strip stossen wir nochmals auf den Erfolg unseres Winter-Bike-Abenteuers an..

Womit wir wieder bei der Frage des richtigen Namens sind. Für mich wohl definitiv Tour de TorTOUR, noch nie habe ich ähnlich gelitten auf einem Velotüürchen. Fast alles, was so kaputtgehen kann an einem Körper hat das auch getan – und noch immer machen die Knie Probleme, das Handgelenk hat sich nicht komplett vom Sturz am Ofenpass erholt, die Füsse beklagen sich über die eigentlich genialen Bike-Gore-Wanderschuhe, dann die gesammelten Ohren-, Nasen-, Hals- und Stirnwehwehchen, Druck auf Brust (Bronchien oder was gibt es das sonst für „Verdächtige“?), entzündeter Mundraum, immer störenderes Pfeiffen im Ohr etc. etc. – alles für sich nicht wirklich schlimm, in der Kombi aber mühselig und zudem bin ich immer etwas in Angst, ich könnte etwas verschleppen... Sind das die Vorboten auf die die zweite Jahrhunderthälfte??

Doch genug der Klagen – schliesslich hab ich nun knapp 3 Wochen erlebt, wie sie intensiver kaum sein könnten. Stehengeblieben in diesem Bericht war ich in Trieste, das wir am Montagmorgen zeitig wie meist so gegen Mittag verlassen. Dies nachdem Adamo so insistierend wie vergebens einen zweiten Morgenkaffee in einem der anscheinend berühmten Triester Kaffeehäuser einnehmen will – die scheinen an einem Montagmorgen grundsätzlich verriegelt zu sein.. Endlich geht’s dann doch noch los, in lästigem Drieselregen den Hügel hinauf nach Slovenien, in dessen Zollanlagen gerade ein paar wackere Beamten die wohl allerletzten Aufräumareiten erledigen – Schengen lässt grüssen und ausserdem auch der EU-Vorsitz, den das Vorzeigeland aller Ex-Jugoslavischen Republiken seit ein paar Tage inne hat. Dass auch hier der Euro als Teuro verdammt wird, erstaunt uns wenig, wie wir nach sehr mühseliger Fahrt über die Hügel (wir scheinen an Ort zu treten..) einen Pastahalt in einem der wenigen Orte an der Hauptstrasse einlegen. Immerhin bestätigt der junge Kellner (Inhaber?), dass sie strategisch nicht schlecht gelegen seien, da direkt am „Transit“ der Kroatienfahrer aus Italien, Tschechien, Polen etc. gelegen.

Dass es sich im Sommer wohl um einen regelrechten Treck zu den Wunderstränden handelt, lässt sich an dem jetzt ausgestorbenen und dadurch erst recht riesig wirkenden Zollanlagen ablesen. Auch die Geldwechsler sind im Winterschlaf, aber immerhin die im dichten Nebel auftauchenden Schilder erinnern uns daran, dass wir bei Gelegenheit wohl ein paar Kuna brauchten.

Zwar sind wir nun etwas schneller vorwärts gekommen, aber trotzdem wird es langsam etwas knapp für unserer Fähre – sollte sie aus irgendeinem Grund statt um 19 Uhr doch um 17 Uhr (wie im Sommer) ablegen, wir hätten sie verpasst. Nun, wir werden schon richtig geschaut haben, nur die Ruhe also. Die ist aber gleich wieder weg, wie Adamo befürchtet, die könnten hier eine Stunde „vor uns“ liegen... Damit es noch etwas spannender wird, hab ich ca. 15km vor Rijeka keine Luft mehr im Hinterreifen... Schei.... Aufmerksam verfolge ich die Reparatur des Profis und lasse mir noch einige Tipps geben, und wirklich, schon bald rollt mein Schwertransporter wieder. Allerdings nur gerade bis an den Stadtrand, wo wieder Ende Feuer ist. Da nur ich einen einzigen Ersatzschlauch dabei habe, ist nun Flicken aufziehen angesagt – und siehe da, der Profi ist unsicher (klar, er klebt ja nie, sondern ersetzt gleich..) und überlässt mir den heiklen „Klebeakt“. Das Gemeinschftswerk hält dann wirklich und auch die Zeit reicht einigermassen locker, damit ich noch ein Ticket bei Jadrolinia erstehen (ca. 100 Euro für beide) und Adamo ein paar Essensvorräte für den langen Bootstrip besorgen kann.

Und dann sind wir wirklich auf der Fähre, es hat gereicht, wir haben es geschafft! Dies dank der vielen Nachtfahrten und des insgesamt genial trockenen wenn auch teilweise sehr kalten Wetters. Nun also fast 24 Stunden Nichtstun, auf unserem herrrlichen alten Kahn herumfläzen, die Bar leersaufen, lesen, Mails schreiben, all die Dinge tun, die wir aus Zeitmangel immer auf genau diesen Moment projiziert haben. Natürlich haben wir oder vor allem ich die Rechnung mal wieder ohne den Wirt gemacht... schon im Panoramadeck (prätentiöser Name für die Uralt-Clubsessel und den gelangweilten Barman) kommt es mir so kalt und „zugig“ vor – ein Gefühl, das mich nicht so schnell wieder verlassen wird und mich hier und heute in den Schlafsack in der „Lounge“ treibt, wo ich das letzte Sofastück von einer älteren Dame erobere, die sich schon auf eine geruhsame Nacht ohne lärmende Velofahrer in ihren arg stinkenden Klamotten eingerichtet hatte. Die wenigen Passagiere haben nun je einen Polsterbank um sich auszustrecken für sich – alle ausser Adamo, aber der will ohnehin seine neue Luft-Matte testen und verzieht sich mit Schlafsack und dem Testobjekt auf Deck – und wider Erwarten kommt er auch nicht zurück sondern zieht die Aktion durch! Und ich übernehme den Part, den ich Ursi jeweils übel nehme: Ich will nichts weiter, als mich in meinen Schlafsack mümmeln, Hafeneinfahrten, Sonnenauf- und untergänge und dergleichen hin oder her..

Immerhin bekomme ich dann die Einfahrt nach Korcula am nächsten Mittag wieder mit und ich bin zuversichtlich, das ich lediglich einen Streifschuss abbekommen hab. Genau hier sind wir vor 2½ Jahren gegen Ende der Tour angekommen, haben die malerische Altstadt und das mächtige Eingangstor der befestigten Stadt bestaunt und haben höchst wahrscheinlich... geschwitzt! Momentan gäbe ich etwas für eine kurze Zeitreise zurück – nicht nur der Temperatur wegen, auch die damalige Reisepartnerin fehlt mir schon ein wenig...

Weiter entlang der wirklich genialen kroatischen Küste mit ihren zahlreichen vorgelagerten Inseln, dem sogar jetzt im Winter smagardfarbenen Wasser und den verstreuten Dörfern und Städten, die wie aus einem einzigen Guss für die Ewigkeit geschaffen zu sein scheinen. Und schon kommt die Hängebrücke in Sicht, die Dubrovnik ankündigt, das in seiner Pracht, Schönheit und der sehr einheitlichen historischen (und spätestens nach dem Jugoslavien-Krieg stark renovierten..) Bausubstanz wohl höchstens von Venedig konkurrenziert werden könnte.

Um endlich den beängstigend schnellen Geldabfluss etwas zu stoppen, quartieren wir uns in der Jugendherberge ein, die genialerweise ziemlich versteckt und zudem nur über eine grosse Anzahl Treppenstufen erreichbar ist.. Eine Herberge der simplen Art, keinerlei Gemeinschafträume für Schachmeisterschaften, keine Möglichkeit für eine grosse Waschaktion, kein Internet – aber immerhin warmes Wasser in den Duschräumen, die während der Nacht geradezu gespenstig von einem heulenden Wind durchzogen werden, einem Heulen, das mir Angst macht in Bezug auf unsere erste „richtige“ Etappe morgen (bisher war ja alles nur Anfahrt..). Und wirklich, BORA BORA heisst der Uebeltäter, ein gewalttätiger Wind vom Landesinnern her, ein kalter Sturmwind dann auch noch..

Die ganze Jugendherberge scheint wegfliegen zu wollen, als erstes wohl der Duschraum.. Dies und der Bescheid der Lady von der Reception, sie hätte kaum zu Fuss den Weg hierher geschafft macht mir den Aufbruch nicht gerade schmackhaft. Ich will schliesslich unter keinen Umständen nochmals „zu Boden“, noch hab ich auch zu gut in Erinnerung, wie gemeingefährlich so ein Schei.. wind sein kann. Zunächst gibt’s aber noch ein seltsames Frühstück aus riesigen Kochtöpfen, das ganze serviert in einem notdürftig überdachten Hof; natürlich wirkt das alles auch einigermassen überdimensionert für uns genau fünf (!) Gäste. Das kanadische Paar ist mit OeV unterwegs und hat ähnliche Reisepläne wie wir, nur die Geschwindigkeit dürfte wohl etwas unterschiedlich sein..

Doch fertig lustig jetzt, der Bora Bora braucht neues Futter, da würden sich zwei wehrlose Velofahrer perfekt eignen.. Nun, wir wollen es natürlich wenigstens versuchen.. und wirklich, es geht einigermassen. Nachdem die erste Steigung südlich der Stadt erst einmal gemeistert ist, geht es flott der Traumküste entlang, nur noch einmal gerate ich kurz in „Seenot“, wie das unfreundlicherweise auch noch bissig kalte Windchen meinen hochgepackten „Göppel“ als Segel missbraucht und mich um ein Haar von der Strasse bläst.

Bald ist Dubrovnik, die mit vollem Recht „Perle der Adria“ genannte Schönheit nur noch ein Klötzchenhaufen in weiter Ferne, Grösse gewinnen dafür vorübergehend einige Ansiedlungen, die sich eng zusammengeduckt zu einer malerischen Einheit zusammenfinden. Finden möchten auch der Grieche und der Russe, die zusammen per Mietwagen unterwegs und auf Immobiliendeals aus sind, die Goldgräberstimmung wird uns in den nächsten Tagen auf Schritt und Tritt in Erinnerung rufen, was für Umwälzungen hier schon geschehen und auch jetzt noch im Gange sind.

Kaum haben wir die Grenze zu Montenegro überquert, fühl ich mich schon um einiges mehr wie ein richtiger Reisender, allem scheint hier noch etwas Provisorisches anzuhaften, das Alte (sozialistische) Erbe ist zwar noch omnipräsent (vor allem die unzähligen Autos, z.B. Lizenz-Fiats und Renaults - insbesondere R4 gibt’s noch in allen Farben und mechanischen Zerfallszuständen, auch die Archtiektur kann den Kasernenmief nicht verleugnen..), das Neue (kapitalistische) in Form von emsigstem Bautreiben und eines mediterranen Flair versprühenden Lifestyles hat aber wohl definitiv die Oberhand gewonnen. Es wird gebaut, was das Zeug hält, jeder scheint noch auf den Zug aufspringen zu wollen, bevor auch das letzte bisschen Küste zugeklotzt und die Traum-Gewinnmargen vorbei sind..

Eine Strassenszene mit riesigen Blech-Schildern, unter denen ein Ueberlandbus älterer Bauart steht, erinnert mich spontan an Südamerika, auch die Fruchtstände, die ergänzt um weitere Artikel wie z.B. Toilettenpapier einen seltsamen Anblick bieten, sind definitiv in der Schweiz nicht vorstellbar. Da muss ich natürlich gleich einen Testkauf durchführen, die Orangen sind sehr günstig, was sich schnell errechnen lässt – Mazedonien hat als Zahlungsmittel nämlich den Euro eingeführt, ohne lange um Aufahme in den erlauchten Club zu bitten und Kriterien zu erfüllen... durch eine einseitige 100%ige Anlehnung an und durch Verwendung der offiziellen Noten und Münzen... wie das geht? Die Notenbank ersteht einfach eine Anzahl Bargeld auf dem freien Markt und gibt die dann als offizielles Zahlungsmittel raus? Aber womit bezahlt sie die Euros??

Wir erreichen die Bucht von Kotor am späteren Abend, eine Bucht, die nur einen einen winzigen Eingang zum Meer aufweist, sich dann aber fjordmässig ins Land hinein frisst, als kleines Weltwunder in einer Form, die einem Amboss gleicht. Wir geraten beim Einbiegen ins Innere der Bucht dann auch gleich sozusagen zwischen Hammer und den erwähnten Amboss, der BoraBora erinnert sich daran, dass er uns noch immer nicht von den Rädern geworfen hat und macht einen letzten, ziemlich überzeugenden Versuch. Für einen Moment geht gar nichts mehr, ich kann gerade noch so knapp ausklicken und verzweifelt versuchen, meinen Schwertransporter nicht zu Boden gehen zu lassen. In extremer Schräglage versuche ich stossend um die Kurve zu kommen; dank dem Kamineffekt wird der Wind kanalisiert und verstärkt... da stossen nichts bringt (ausser verschlagene Beine), folge ich Adamos Beispiel und erzwinge ein Vorwärtskommen. Es reicht gerade, um wieder in den (relativen) Windschatten hinter der Oeffnung zu kommen – und dort ist auch schon der Warteraum für die Fähre, welche die Fahrt nach dem gleichnamigen Ort Kotor stark verkürzt, da wir nicht erst die ganze Bucht umrunden müssen.

Wir zwängen uns zwischen den wartenden Lastern vorbei zum Zahlhäuschen – und werden nicht etwas gerügt wegen unserer Vordrängaktion, nein, der Hafenmeister (?) bestimmt, dass wir gratis auf die Fähre dürfen. Montenegro wird immer sympathischer..! Nach der Ueberfahrt übers aufgewühlte Meer folgt eine epische Fahrt, die mir wohl immer in Erinnerung bleiben wird, so perfekt fügen sich geografisches Highlight, landschaftlich herausragende Schönheit, einzigartige Lichtstimmung und eine geradezu unheimliche Geräuschkulisse zu einem Veloreiseerlebnis der besonderen Art. Kotor, das wir schliesslich kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen, hoffe ich schwer nicht zum letzten Mal besucht zu haben. Dazu folgender Versuch aus einem Mail am folgenden Morgen:

Sitze jetzt in einem Kämmerchen im unglaublichen Städtchen Kotor, an der Naturwunder-Bucht gleichen Namens, die in Form eines Ambosses zwischen steil abfallenden schroffen Felsen liegt. Die Fahrt entlang der Bucht in die einbrechende Dunkelheit hinein war ganz einfach genial – das Heulen des Bora Bora (kühler Wind vom Landesinnern), der Klang des auf die Strasse herüberschwappenden. durch den Sturmwind aufgewühlten Meeres, die trutzigen grossquadrigen Steinhäuser, welche das schmale Strässchen eingezwängt zwischen Bucht und Felsen säumen, das fahle Licht des Mondes und die sich dem Namen gemäss schwarz abgrenzenden Berggipfel (Monte-Negro)... ein wirklich eindrückliches Erlebnis. Am Morgen dann Kaffee draussen auf der Piazza, in strahlender und auch wärmender Sonne, viele junge selbstbewusste Frauen beim fröhlichen Zusammensein, geschäftiges Treiben in den Läden und auf den steinplattenbelegten Gassen – eine Stimmung in absolutem Gegensatz zu jeder landläufigen Balkan-Vorstellung. Auch Velos sind hier noch im Einsatz, in der Innenstadt scheinen Transporte ausschliesslich durch die unzähligen dreirädrigen Dingern mit Frontladefläche ausgeführt zu werden. -----

Von Kotor dann am Donnerstag alles der Küste entlang Richtung Albanien. Der Sonnenuntergang direkt über dem Meer ist der erste, den ich seit langem erlebe. Und wohl das erste mal überhaupt, dass dieses Ereignis bereits um 16 Uhr (!) stattfindet. In der Verzweiflung, was und wie denn nun geknipst werden soll (na ja, nach zigtausend Sonnenuntergängen in allen möglichen Fehlbelichtungen ist es wirklich schwierig..), kommen mir einige verspiegelte Fassaden gerade recht – nur sind diese reine Remniszenten aus der sommerlichen Jubel-Trubel-Zeit – momentan ist das Ferienparadies nämlich so ziemlich ausgestorben, nur hie und dort hört man einige Bau- und Reparaturgeräusche... da haben wir beschlossen, die Etappe ausnahmsweise nicht im Dunkeln ausklingen zu lassen, sondern gleich hier zu bleiben – und nun dies, NIX HOTEL... Also doch zurück auf die kalte und inzwischen zappeldüstere Landstrasse , die noch gut 20km bis ins nächste grössere Ort werden wir ja noch irgendwie schaffen. Es wird eine etwas mühlselige Zwängerei, immerhin haben wir aber schon kurz hinter dem ausgestorbenen .... durch einen uns erst entgegenkommenden, dann hinter uns auftauchenden Autofahrer schon fast einen Uebernachtungsplatz auf sicher.. der deutsch sprechende Mann bietet uns ein Zimmer in Ulcinj an; er selbst muss allerding erst mit seiner Tochter nach Bar, das wir vor ca. 3 Stunden passiert hatte - er ist aber überzeugt, vor uns wieder zurück zu sein.

Und wirklich, unser „nightride“ auf der stetig ansteigenden Küstenstrasse entwickelt sich zu einer echt mühsamen Geschichte – führt aber dazu, dass wir auf die Minute mit unserem potentiellen Vermieter in Ulcinj ankommen, dort hinter seinem Auto her durch die halbe Stadt hetzen und schliesslich zum Singsang eines Muzzeins in seinem Haus hinter einer Moschee ein ungeheiztes Zimmer beziehen (immerhin gibt’s nach einigen Versuchen wenigstens Licht..). Es sieht alles aus wie auf einer Baustelle, inkl. Schutthäufchen auf dem Boden, ich müsste mich also heimisch fühlen...

So wie er aus den Nichts aufgetaucht ist, so schnell ist unser Vermieter auch wieder weg. Und überlässt uns unserem Schicksal, das in Form einer ganz knapp halbwarmen Dusche eine weitere Attacke auf meinen angeschlagenen Körper führt. Adamo machts besser.. erschöpft wie er ist, streckt er sich erst mal der Länge nach auf dem Bett aus, mit dem Schlafsack als einzige Wärmequelle, pennt etwas und duscht dann sehr viel später, wie das Warmwasser dann wider Erwarten doch noch „einschiesst“..

Mit Jacke und „Kopfmantüdeli“ (Fleece-Buff zu Kappe gestülpt) geht’s in den Ausgang, wir sind nun defintiiv in einer muslimischen Gegend angekommen. Doch so viele Moscheen es auch geben mag hier... eine noch viel grössere Zahl ergeben die Pizzerias.. jedes zweite Haus hier und damit ca. 9o% aller Beizen schmücken sich mit diesem Namen, im ersten Stock eines solchen Etablissements gibt’s dann auch Znacht, gefolgt von einem Besuch im angeblich ersten der heute ebenfalls zahllosen Internet-Cafés (plus spezielle modernst eingerichtete Playstastion-Säle..). Das halbe Städtchen schaut uns beim Surfen zu, u.a. diverse Roma-Jungs, die alle PERFEKT deutsch sprechen, also in Deutschland aufgewachsen und soviel wir mitbekommen mit ihrer Familie ausgeschaftt worden sind.. Und sich nun hier in Ulcinj im Gangsta-Look rumtreiben, auf der Suche nach... was eigentlich? Zu den Underdogs gehören sie wohl auch hier, perfektes Deutsch hin oder her. Perspektive so ungefähr gleich Null – die glitzernden Versprechungen des allumfassenden Kapitalismus, die sind bei den Jungs hier aber ganz bestimmt tief eingraviert und sie werden versuchen, ihren Anteil IRGENDWIE abzubekommen..

Eine kalte Nacht später, dank Schlafsack aber ganz OK, sitzen wir ausgangs Ulcinj in einem Strassencafé und werden von unserem Tischnachbarn angesprochen, in Züridüütsch, und zwar mit der Frage, ob wir aus dem Aargau kämen (gut, wir sind NICHT aus Zürich, aber uns gleich als Aargauer zu verdächtigen..). Nun, der vielleicht 35jährige Typ ist einer der Gewinner der Oeffnung; er hat hart gearbeitet in der CH als Chauffeur, alles auf die Karte Immobilien in Montenegro gesetzt (mit Kredit) und ist nun zu Hause in beiden Welten -. und nun bereit, in den Tourismus einzusteigen. Wir sind wohl seine Versuchskanninchen – den Test hat er bestanden, auf sein Insistieren hin verschieben wir die ohnehin schon späte Abfahrt nochmals, um die Altstadt, die schönste, besterhaltendste usw. in ganz Mazedonien zu besichtigen. Am Hafen ist Adamo von der wärmenden Sonne so entzückt, dass er sich auf die Betonmole zum Dösen legt, während ich den Stadthügel alleine bezwinge – es lohnt sich wirklich - und im Sommer ist dort für das Wohl der Touris offensichtlich gut gesorgt, inkl. Hotel an den Klippen mit Sicht aufs Meer.

Schon wieder nach Mittag brechen wir endgültig auf, jetzt geht’s in den wilden Osten und in die Berge. Vorläufig gemässigt durch einen wunderschönen kleinen Canyon. Es wird ländlicher jetzt, erste Dörfer mit wehrhaften langgezogenen Steinhäusern tauchen auf, dann wieder viel freies, landwirtschaftlich nur spätlich benutztes Land. Und dann stehen wir an der Grenze zum bestabgeschottesten Land Osteuropas in der Zeit vor den grossen Umwälzungen Ende der 80er Jahre, als sich der Obergenosse Enver Hodscha einigelte, als würde demnächst eine gemeinsame Armee aus Warschauer Pakt und Nato einfallen wollen... Wir stehen also vor den Toren eines über Jahrzehnte vollständig isolierten und wirtschaftlich wie gesellschaftlich verwüsteten Landes. Was mag heute, knapp 20 Jahre später daraus geworden sein? An schlechter Presse mangelt es Albanien nicht bei uns (wahrscheinlich meistens assoziiert mit Kosova-Albanern) – nun, wir bezahlen unseren Obolus von 20 Euro am beschaulichen, erst kürzlich eröffneten Wald- und Wiesen-Grenzübergang, mit uns noch eine Familie aus Wien, er lebt in Tirana, Frau und Kinder in Oesterreich.. Und dann sind wir durch, friedlich ist es hier, sehr friedlich. Eine Kleinstmoschee vor Schneebergen, ein Dorf mit schmucken Häusern, deren zurückversetze Fassaden hübsche Veranden ergeben, die Kinder am Strassenrand, die uns beim Vorbeifahren, die offene Hand zum „abklatschen“ hinhalten und uns wie kleine Entdecker fühlen lassen, zum Sonnen über die Verandabrüstung gebettete Perserteppiche, eine Stimmung fremd und freudig zugleich, wir sind definitiv in Albanien angekommen! Bepackte Maultiere, Eselskarren, auf der (guten) Strasse schlendernde Leute, hie und da ein Velofahrer, einfach friedlich.

Ganz langsam nur ändert sich die Szenerie. Die an der Strasse stehenden Leute werden mehr, die Häuser sind nun enger aneinander gebaut, die Stadt kündigt sich an. Und ist von einem Moment auf den anderen mit Urgewalt da, wie wir plötzlich durch ein Roma-Elendsquartier fahren – so was mitten in Europa, das hätte ich in dieser Brutalität nicht für vorstellbar gehalten... Kurz zuvor hab ich noch den herrlich frei fliessenden..fluss.... fotografiert, im Hintergrund die Burg von Shkoder und nun, beim Einbiegen auf die Drittweltstimmung heraufbeschwörende Uraltbrücke, legt sich plötzlich ein Kind vor den Autos auf die Strasse, um diese zum Abbremsen zu zwingen – um allenfalls etwas erbetteln zu können. Ich bin froh, wie ich mich an dem ganzen Auflauf (die Brücke ist nur in einer Richtung zu befahren, es gibt also Stau..) hindurchschlängeln kann und wieder in sicherer Distanz zum schlimmsten Elend bin... Was für ein Einstieg in dieses neue Land!

Und dann die Einfahrt in die Stadt selbst, erst auf breiter Hauptstrasse, gesäumt von einigen malerisch anzusehenden Open-Air-Werkstätten (Garagen, Schlossereien etc.), dazwischen weitere behelfsmässige Lotterhütten in denen Familien wohnen, dann modernere Zweckbauten, den vielleicht grässlichsten Wohnblocks, die ich je gesehen habe, wie ausgebombt wirken sie auf mich. Hunderte von Menschen auf den Strassen, sehr viele Velos, einige Motorräder und eher wenige Autos. Schliesslich landen wir auf dem Hauptplatz mit den Statuen von.... und atmen erst mal tief durch – auch Adamo sind die Eindrücke offenbar ziemlich eingefahren.

Etwas verloren stehen wir also mitten in der schwer fassbaren Stadt, von der mir Adamo vor ein paar Stunden noch Geschichten über italienisches Flair und intellektuellen Charme vorgelesen hat.. Mein verzweifeltes Umherschielen nach einer Insel im Chaos führt uns in ein angenehmes Café, in dem tatsächlich Pasta angeboten, italienisch (und englisch) verstanden wird und das offensichtlich tatsächlich von Intellektuellen frequentiert wird. Bei einem Teller Spaghetti erden wir uns wieder und ich breche gestärkt zur Hotelsuche auf.

Ich werde schnell fündig, für 60 Euro plus Touristentaxe gibt’s ein Zimmer im offensichtlich neu eröffneten Hotel mit internationalem Standard, für das gleiche Geld könnten wir uns auch bei einem etwas abgetakelten Bunker einquartieren und für 50 Euro wäre noch das ehemlige Tourist zu haben, mit dem Charme von abgestandenem Sozialismus, inkl. Entsprechend interessiertem Hotelpersonal. Also rein in unsere Trutzburg, die den Unterschied zum eben gesehenen Elend noch dramatischer macht. Ein grosses Zimmer, alles etwas prätentiös und eine Spur zu klotzig, aber ein Telefon IM BAD, das hab ich wirklich noch nie gesehen. Ich glaube meinen Ohren zunächst nicht, wie Adamo mit der Reception über Wäsche verhandelt, während er auf dem Thron sitzt und seinen Geschäften nachgeht..

Zurück auf der Strasse wieder grosser Szenenwechsel – wir wollen die ottomanischen Bauten an der „Nobelmeile“ Shkoders besichtigen und sehen vor allem eines – nichts! Der ganze Strassenzug liegt im Dunkeln, die Geschäfte sind zwar geöffnet, aber eben ohne Licht. Stromausfall! Und das anscheinend täglich für mehrere Stunden. Nur wo es lärmt vor der Tür, das gibt’s buchstäblich Licht im Dunkeln, den ratternden Dieselgeneratoren sei Dank. Wir können es nicht lassen und treten in eine von schwachem Kerzenschein gerade als solche erkennbare Bäckerei ein. Und nehmen je ein Baklava-Teil zum Verzehr gleich an Ort. Der Verkäufer spricht italienisch – er war tatsächlich für ein Jahr in Livigno, ein paar Kilometer neben der Ofenpassstrasse, die wir zum Auftakt passiert hatten. Ein schüchterner Mann mit leicht stockender Stimme, bedrückt wirkend und wohl an sich selber zweifelnd. Es stellt sich heraus, dass er nach einem Jahr als Papierloser ausgewiesen worden ist; für diese sicherlich harten und unergiebigen Monate hat er anscheinend einem Schlepper 3000 Euro bezahlen müssen – gehe davon aus, dass dies mehr ist, als was er je in seinem Leben hier wieder zusammenbekommt.. Kein Wunder wirkt er so niedergeschlagen – und nein, „sposato“ sei er nicht, es klingt als wäre das für einen wie ihn nicht möglich...

Ich beginne mich schon wieder in einen Frust ab dem Zustand unserer Sch..zivilisation hineinzusteigern, als sein Vater eintritt. Und einen Schalk versprüht, eine Lebensfreude, wie ich sie in den letzten Stunden an diesem Ort gar nicht für möglich gehalten hätte. Irgendwie scheint er den Narren an mir bzw. meinen grauen Haaren gefressen zu haben, überhaupt an uns komischen Vögeln, die es da in seinen Laden hineingeschneit hat. Mit Italienisch-Versatzstücken und zusätzlich einem neu dazugekommenen, französisch sprechenden Kunden, welcher mit einer (welschen) Schweizerin verheiratet war, ergeben sich Bruchstücke von Lebensläufen, von Kriegserinnerungen (die deutschen waren OK, die waren diszipliniert – nicht wie die Italiener, die statt sich auf die (Kriegs-)aufgabe zu besinnen, den Einheimischen Essen und Frauen abgeluchst hätten.. Der „Franzose“ hingegen ist auf die Schweizer gar nicht gut zu sprechen und beklagt sich ausdrücklich über Rassismus, darüber dass vor dem Recht ein Albaner nicht gleich behandelt würde wie ein Schweizer oder ein „genehmer“ Ausländer – und ich befürchte, er könnte sogar recht haben damit....

Das „Gespräch“ und die Stimmung wird aber vom Vater bestimmt - und der lässt nichts auf uns kommen, besteht sogar darauf, von uns kein Geld für die je zwei Süssigkeiten entgegenzunehmen, ja er will uns sogar noch weitere mit auf den Weg geben. Und wir würden bei ihm während unseres Aufenthaltes jederzeit bekommen, was wir wünschten – ich bin platt, beschämt und auch unglücklich darüber – nicht wir sollten von ihnen beschenkt werden, wenn denn schon müsste es doch umgekehrt sein... Und die 3000 Euro wollen mir nicht aus dem Kopf. An welchen Teufel musste der Mann wohl seine Seele verkaufen, um diese Summe aufzutreiben? Und welche Zinsen sind da zu bezahlen – und in welcher Form? Wie würde ich so was verkraften? Und was, wenn von mir als Gegenleistung etwas verlangt würde, das ich unter normalen Umständen unter keinen Umständen tun würde..???

Zum Abschied spendieren uns die Elektrizitätswerke ein Ende des Blackouts, das mit Händeklatschen gefeiert wird. Eine Anmerkung am Rande: Albanien soll Energie in die umliegenden Länder exportieren – als wasserreiches Land ist es eigentlich prädestiniert dazu. Und nun kommt mir auch noch Rainers Geschäftsidee in den Sinn, der die Expertise für eine Mineralwasserfabrik hier in Albanien anstrebt, die mit arabischem Kapital aus dem Boden gestampft werden soll, vielleicht gar nicht mal so abwegig und noch einigermassen nachhaltig.

Der Blackout ist ebenso schnell wieder zurück wie wir in unserem Hotel. Hier flackert es nur kurz, danach hat der Generator alles im Griff, gehe davon aus, dass dieser ein rechtes Kaliber sen dürfte. Nachdem Adamo schon das Telefon im Bad amortisiert hat, macht er nun dasselbe mit der Minibar. Er schläft wie üblich schon bevor sein Kopf das Kissen erreicht hat, während ich mich wieder meinen diversen Krankheiten hingebe. Und lange keinen Schlaf finde, dafür dem Geheule und Gebelle der sich zu Rudeln zusammengeschlossenen durch die Stadt streunenden Strassenköter lausche... Wo genau bin ich hier nur gelandet? Ist das wirklich noch Europa? Wie kann es sein, dass in der 2. grössten Stadt des Landes nachts die Hunde den Ton angeben?

Nach einer schlechten Nacht folgt ein nicht so guter Morgen – und ich hab den Entschluss gefasst, mich auf keine Abenteuer auf ungesicherten „backroads“ einzulassen, wo ich doch nicht einmal weiss, ob ich überhaupt weiterreisen kann. Ich werde also eine weitere Nacht in unserem Luxusschuppen anhängen, während Adamo nach .... hochfährt, um von dort morgen mit der Fähre die Drin hochzuschippern, in der Hoffnung auf der zweiten Staustufe einen weitern Kahn zu finden nach Kukes. Von wo es eine anscheinend schwer zu befahrende Piste durch eine Landschaft von wilder Schönheit geben soll., die ihn, so alles optimal läuft, nach Peshkopi bringen soll. Und das wäre dann unser erster möglicher Treffpunkt, einen zweiten verabreden wir in Ohrid in Mazedonien. Wir versichern uns gegenseitig nochmals, dass wir uns für einen Alleingang in Albanien bereit fühlen, aller möglicher Schwierigkeiten zum Trotz. So verabschiede ich ihn am Samstag gegen Mittag und halte seinen Aufbruch fotografisch fest, die grosse Moschee im Hintergrund macht sich sicher gut als Kontrast. Da die Kamera schon warmgelaufen ist, nütze ich die Gelegenheit, den hier ohne grosses Konzept gut funktionierenden kombinierten Langsamverkehr festzuhalten; die Strasse ist voller Fussgänger, sehr langsam fahrenden Autos und vor allem auf beiden Srassenseiten in beide Richtungen fahrenden Velos!! Als „korrekt“ fahrender Velopilot staunt man nicht schlecht, wie einem scharenweisse alte aber durchaus fahrtüchtige Zweiräder entgegenkommen, die von Leuten jeden Alters gefahren werden. Verkehrstechnisch könnte uns Shkoder also durchaus als Beispiel dienen! Ein zugiges und mit langem Warten verdientes Essen im zum (nicht zugänglichen) clock-tower gehörenden Restaurant und dann gönne ich mir einen Gesundheitsschlaf, zumindest das mit dem Schwitzen unter der Decke klappt schon mal recht gut. Was genau morgen sein wird, ob ich wirklich auf- oder nicht vielmehr abbrechen werde – ich verdränge den Gedanken daran und lausche wieder den Hunderudeln und denke an das Elend, das sozusagen an die Mauern meiner Luxusinsel schwappt. Ich muss unbedingt gesund werden, um diese intensiven und widersprüchlichen Eindrücke verarbeiten zu können. Und ausserdem brauch ich dringend etwas Kraft für die drohend mit Schneekronen aufwartenden Berge auf dem Weg nach Osten. Ein einsames Frühstück, ich bin der einzige Gast am Buffet, eine sehr teure Hotelrechnung (alleine zahle ich genau gleichviel wie für zwei – ausserdem 20 Euro für die von Adamo per Schieisshaustelefon organisierte Wäsche) - und dann muss ich meine sichere Zuflucht verlassen und stehe auf der Strasse. Zusammen mit tausenden anderer Menschen, die unterwegs sind oder mehrheitlich ganz einfach warten, warten auf ein besseres Leben.. Noch hab ich mich nicht entschieden, in die Berge ohne gesicherte Uebernachtung in Burrell, via Tirana auf der Hauptstrasse oder gar nach Durres, und ab dort die Fähre zurück nach Italien, um mich bei meinen Fratelli so richtig auszukurieren? Nun, bis Lezhe sind alle drei Varianten dieselben – und ausserdem hab ich mir diese knapp 40 Kilometer als Minimalziel gesetzt, um dort allenfalls nochmals einen weiteren Regenerationshabtag einzulegen. Auf sehr guter Strasse geht es über die grosse Ebene entlang der omnipräsenten Drin (irgendwie ist dieser Fluss überall, in welche Richtung auch immer man unterwegs ist..), wenig Verkehr, keine Raser (im Gegensatz zu den zahllosen entsprechnden Warnungen..!!), dafür hie und da ein Maultiergespann oder ein hochbeladener Esel, hinter dem sich die tatsächlich fast ausschliesslich aus dem Hause Benz stammenden Autos stauen. Schneller als erwartet erreiche ich Lezhe, besichichtige kurz die Gedenkstätte an den Volkshelden.... ...... und fälle einen ersten Entscheid: Ich fahre weiter, einzig die Route bleibt noch unklar. Auf jeden Fall wechsle ich auf die parallel verlaufende Zweitklassstrasse – und bekomme das auch gleich zu spüren, die Schlaglöchsr machen ein schnelles Fortkommen unmöglich und erfordern ziemlich viel Konzentration. Aber es herrscht sozusagen gar kein Verkehr mehr, die Hügel rücken näher und bald schon kommt die Stunde der Wahrheit; ich stehe an der Brücke über über die aus den Bergen kommende Drin; links geht’s entsprechend hoch, geradeaus zurück auf die Hauptstrasse, welche mich nach 50km in Tirana ausspucken würde... Der Lenker bewegt sich nach links; ich passiere das Dorf, hinter dem am Ufer des Flusses ein wilder ungepflegter Markt abgehalten wird – und finde mich plötzlich alleine in einer herrlichen Schlucht wieder, auf einer einigermassen sanft ansteigenden aber noch immer ruppigen Strasse. Und schlagartig fühle ich mich besser, ja sogar richtig gut. Die Bergwelt und die Einsamkeit bekommen mir! Nun weiss ich, es kommt gut so! Ein Bretterverschlag mit Dutzenden von Oelflaschen als Auslage erinnert mal wieder an Südamerika, zahlreiche kleine, teilweise improvisierte Beizen am Strassenrand mit Sicht auf die Schlucht bzw. den Fluss lassen von einem zukünftigen florierenden Tourismus träumen, Siedlungen auf den sanft abfallenden Hängen auf der anderen Flussseite wecken die Neugier, wie man dort in der beträchtlichen Abgeschiedenheit wohl lebt – kaum gedacht hält vor mir ein Lieferwagen, pilotiert den Wagen eine improvisierte Stichstrasse am diesseitiegen Hang hinunter, an dessen Ende (auf etwas halber Höhe zwischen Strasse und Fluss) die Ladung auf Maultiere umgeladen wird, die von den Bewohnern über eine lange Hängebrücke geleitet werden – mein „Entdeckergeist“ regt sich und freut sich über die neuen Eindrücke wie aus einer fernen Welt. Ueber eine erste Staustufe (Enver Hodscha hat in seinem Verfolgungswahn nicht nur massenweise Bunker gebaut, sondern vernünftigerweise auch an eine gewisse Autarkie bei der Energieversorgung gedacht..) geht’s weiter in die Berge, Dörfer gibt es fast keine, nur einsame „Weiler“ dies- und jenseits des Flusses. Einzig die Grabsteine sind direkt an der Hauptstrasse aufgereiht, ich gehe davon aus, das sind nicht alles Opfer des Strassenverkehrs, sondern es wird so eine Art „Oeffentlichkeit“ hergestellt, damit die Leute wenigstens im Tod nicht völlig einsam liegen..? Rechtzeitig vor der Dunkelheit (und der grossen Kälte) treffe ich in Burrell ein... mit einer gewissen Angst betreffend der Uebernachtungsmöglichkeit. Und wirklich, nirgends ist ein Hotel auszumachen, dafür einmal mehr stark bevölkerte (hauptsächlich Männer) Strassen, diverse dunkle Kneipen und... ein Internet-Café. Natürlich wird dies mein Anlaufpunkt.. und wirklich, der junge Kellner dort spricht zwar nur schlecht Englisch, auf meine Frage nach einem Hotel antwortet er aber „yes, we have..“ Was, wie und wo weiss ich zwar nicht, aber mich überkommt eine grosse Ruhe und Zuversicht, dass ich am richtigen Ort gelandet bin. Nach kurzer Verpflegung, viel Parlieren mal wieder in allen mir irgendwie zur Verfügung stehenden Sprachen sowie im verrauchten Saal hinter dem eigentlichen Café (jeder Bildschirm besetzt von der Dorfjugend, die hier spielt und chattet) einer Internet-Session zwischendurch, um die Lieben daheim zu beruhigen und mich selbst etwas zu „erden“, Dies nachdem ich schon fast ins Dorfleben aufgenommen worden bin - und wahrscheinlich jeder weiss, dass da einer aus der „Schwiiz“ (etwas so betonen sie das..!) per Velo nach Burrell gekommen ist. Ich bin inzwischen hundemüde und werde von Fatmir, den Kollegen von Alcili, zu einem Haus geleitet, das offensichtlich als Schule gebraucht wird. Vis-a-vis eines Klassenzimmers am langen Korridor gibt es ein Gästezimmer mit 4 Betten, von denen zwei schon belegt scheinen. Und wirklich, es sollen Polizisten hier wohnen, die aber momentan im Einsatz seien. Alles sieht sehr einfach und etwas chaotisch aus, aber ich fühl mich wohl, auch die gewöhnungsbedürftige Dusche (ein WC mit verbeultem Lavabo, an dem ein Duschschlauch befestigt ist) schreckt mich nicht ab – und wirklich, nachdem erst einmal eine funktionierende Glühbirne gefunden ist, lässt sich auch das Warmwasser nicht lumpen und ich bin einfach glücklich, gerade hier gelandet zu sein. Eingemümmelt in meinen Schlafsack hab ich nur noch eine Sorge; Fatmir will mich nach Feierabend (er erwähnt ca. 21 Uhr) zu einem Kaffee einladen, ich darf also nicht in einen Tiefschlaf verfallen. Aber weder Fatmir noch der/die Polizisten tauchen auf, ich falle in einen unruhigen Schlaf, der von klar an Gewehrschüsse erinnernde Knallereien auch nicht ruhiger wird... Um ca. 23 Uhr geht dann doch die Tür auf.. zum Glück ist der arme Kerl nun selbst zu müde und wir verschieben den Kaffee auf den Morgen. Dann erst erfahre ich, dass tatsächlich geschossen worden ist, soviel ich mitbekomme aus „Spass an der Freude“. Irgndwo müssen die nach der zivilen Unrast Ende der 90er Jahre (entzündet am Bankrott der Banken, die hochverzinste Fonds im Schneeballprinzip herausgegeben hatten und von der die halbe Bevölkerung betroffen war, die sich wohl im kapitalistischen Wunderland angekommenen sah – und dann erst einmal die Kehrseite kennenlernte ..) aus den Arsenalen entwendeten Waffen ja hingekommen sein – und Burrell hat anscheinend als besonders wildes Kaff gegolten.. Nun, Fatmir hat nun aber ganz zivile Probleme, er sollte nämlich schon in der Schule sein, will aber den Kaffee nicht ausfallen lassen. Also schnell in eine Kneipe um die Ecke, einige tiefe Zigarettenzüge (hier rauchen ausnahmslos immer alle, und zwar Kette!) und ein Espresso runtergekippt.. dann trennen wir uns wie alte Freunde - und gehen unserer Wege. Schon Ausgangs Burrell werde ich das nächste Mal eingeladen, diesmal von einem mich überholenden Auto; ein junger Kerl begrüsst mich in gutem Englisch und spricht für den Beifahrer, einen armamputierten Mann, dessen halbes Dorf in Deutschland leben soll und in das er mich einladen will. Dankend rede ich mich raus mit dem Termin heute Abend mit meinem Freund in Peshkopi, nicht ohne vorher noch ein Foto und das Verspechen gemacht zu haben, es zuzuschicken, Kaum 3 Kilometer weiter fotografiere ich drei Heuhaufen, die mich wohl besonders anheimeln, weil sie mich an diejenigen bei meiner Nonna erinnern - wiederholt vergleiche ich die Stimmung hier mit derjenigen in Riminis Hinterland anfangs der Siebzigerjahre,. Von der gegenüberliegenden Strassemseite werde ich bei meinem seltsamen Tun beobachtet, von einem Bauern, der mich anspricht und danach zum Kaffee einlädt. Ich komme einfach nicht vorwärts heute, ich bin aber neugierig genug, das Angebot anzunehmen und sitze entsprechend schon bald in der Küche des Hauses zusammen mit der ganzen Familie beim türkischen Kaffee.. Konversation wie üblich mit Gesten, einigen Brocken italienisch, etwas Englisch etc. Es ist erstaunlich, wie viel wir uns trotzdem gegenseitig zusammenreimen können, so ist die eine Tochter des Hauses (mit Baby) verheiratet, der Mann arbeitet aber in Italien. Etwas ungewöhnlich erscheint mir, dass nur ich verpflegt und dabei von der ganzen Familie beobachtet werden, Wenigstens beim (eigenen!) fruchtigen Wein trinkt der Hausherr ein Gläschen mit.. da kann ich nicht gut ablehnen und hoffe, das süffige Ding ist nicht allzu schwer – wie soll ich sonst nur noch je die Berge hochkommen.. Die Entdeckungsreise geht weiter; vor einem anhand des auffallend farbigen Anstrichs von weitem als Schulhaus zu erkennenden Gebäudes ist eben Pause angesagt. Schnell überkommt die Kinder die Neugier - und so posieren sie bereitwillig für ein Foto. Das Schulsystem scheint also auch in den entlegenen Regionen zu funktionieren, ich werde heute noch ganzen Schüler-Völkerwanderungen erleben, wobei auch schon mal ein paar Jungs beweisen wollen, wie cool sie sind und schreiend neben mir herrennen, mich dabei auch etwas beunruhigen, drohen sie doch teilweise in den Lenker zu greifen.. Nun, die morgentliche Idylle war zu schön; im Laufe des Tages erklimme ich einige Höhenmeter, bei noch immer sehr geringem Verkehr, nur die Mercedes-Sammeltaxis und ein paar Camions sind ausser mir unterwegs. Strassenverhältnisse unverändert OK, Schlaglochpisten wechseln im 100m-Takt ab mit tadellosen neu asphaltierten Abschnitten – nur der Wind macht mir zu Schaffen, vor allem vor ... lässt er mich fast verzweifeln und kurz in Panik geraten. Nur mit Mühe schaff ich es über eine Hügelkuppe, einige Meter davon in Schräglage schiebend und in Angst, ich käme überhaupt nicht mehr weiter.. Im Ort selbst dann ein Kurzhalt in einer düsteren Kneipe, also schnell weiter.. Ziemlich erschöpft und mit allerletzter Kraft die Steigung ins Städtchen hochwürgend erreiche ich um ca. 15 Uhr ...... – kaum in einem kleinen Tante-Emma-Laden eine Schokolade gekauft ist wieder alles gut. Etwas „smalltalk mit grossen Gesten“ und auf meine Frage nach dem Café oberhalb seines Ladens reicht er mich weiter an ein anderes, das von einem Verwandten geführt wird. Hier ist es schön warm – leider funktioniert aber die Espresso-Maschine nicht – Stromausfall... Nun, ein Tee tut mir mindestens so gut und ein zusammen mit dem einzigen anderen Gast wird weiter parliert.. Nur ungern verlasse ich den Ort, es stehen nochmals schwere Kilometer an, natürlich wieder im Gegenwind. Die ersten Hügel sind geschafft, wie die Sonne ihr herrlichstes Licht über das Dorf neben mir ausbreitet; mit dem Schnee über dem Gipfel dahinter und der Kleinstmoschee im 20-Seelen-Nest ein Fernwehbild fürs persönliche „best-of“ Album. Nun kann mir wohl nichts mehr passieren, ich werde Pershkopi noch knapp bei Tageslicht erreichen! Das wird aber auch höchste Zeit, ich krieg kaum die Worte zusammen um nach dem Hotel zu fragen, in dem wir abgemacht haben – meine Gesichtsmuskeln sind vom Wind in eine Halbstarre geblasen worden.. Ich bin wirklich da, im Hotel ... in Pershkopi, noch kann ich es kaum fassen. Jetzt muss es Adamo nur auch geschafft haben, noch ist er nicht angekommen. Nach Dusche, die trotz etwas sozialistischen Mief ausstrahlenden Hauses richtig heisses Wasser bietet, falle ich glücklich aufs Bett, lausche dem wieder laut pfeiffenden Wind und hoffe, Adamo ist nicht noch draussen auf der Piste... Ich gehe nicht davon aus, dass ich ihn heute Abend noch treffen werde. Kaum gedacht hör ich schon seine markante Stimme, er hat sich wirklich durchgeschlagen, über die wilde Backroad sozusagen ohne Verkehr, dafür mit umso schlechterem Schotter. Er hat sich „auf die Aeste hinaus gewagt“ – ohne einen Lift in letzter Minute vom wohl letzten Kleinbus dieses Tages wäre er so richtig „am Arsch“ gewesen. Sein Selbstvertrauen müsste man haben..! Wie auch immer, wir fallen uns beinahe in die Arme, so erfreut sind wir beide, dass es so perfekt geklappt hat mit unserer Reunion, die von vielen Fragezeichen begleitet war! Einen Ort für den Wiedersehens-Drink und etwas zum Beissen zu finden erweist sich als nicht so einfach – das dunkle Städtchen, es ist mal wieder „black-out-time“, scheint die Rolladen schon heruntergelassen zu haben, erst beim Konkurrenten unseres Hotels werden wir fündig. Müde und glücklich beziehen wir dann schon bald unsere zwei Einzelzimmer (das erste und letzte Mal auf unserer gemeinsamen Reise). Das gute Gefühl hält auch am nächsten Morgen an, wie Adamo beim Schnürsenkel-Kauf in einem dieser genialen Schuhläden mit einem Vorhang aus zusammengeküpften einzelnen Schuhen auf dem Trottoir draussen wie aus der Zeit gefallen ausschauen – und nun steht der Riese mit den seltsamen Velohosen dazwischen, umringt von einem Dutzend Männer und Knaben, die auf ihn einreden und was-weiss-ich von ihm wissen wollen.. Einfach genial, dieses Bild! Weniger angenehm finde ich das anschliessende Warten vor der Post, die Adamo und seinen „Sizilianer“ verschluckt zu haben scheint. Und natürlich gibt’s anschliessend noch einen Kaffee mit dem „sischiliano“, dessen älterer Sohn gleich in Italien geblieben ist. Wieder ist es fast schon Mittag bis wir wegkommen, für mich die ersten 20km den Weg von gestern wieder zurück. Diese letzten Kilometer in Albanien nutzen wir, um die omnipräsenten Bunker man noch genau unter die Lupe zu nehmen, und tatsächlich ist hier sogar die Gruppierung von diversen Einmann- rund um einen Kommandobunker auszumachen. Adamo testet noch aus, ob die Dinger auch für 2-Meter-Brocken taugen – nun, zumindest kommt er rein und mit etwas Schwierigkeit auch wieder raus ;=) Wir sind inzwischen völlig Leki-los und müssen uns leider den letzten Einkauf in einer vornehmen Bäsckerei/Konditorei (im überhaupt nicht vornehmen Kaff, in dem ich mich gestern aufgepäppelt hatte) abblasen; der eigentlich sehr freundliche Herr hat leider den Euro-Wechselkurs überhaupt nicht im Griff, so dass wir unsere Einkäufe zurückgeben müssen, aber immerhin je einen Apfel geschenkt bekommen. Die Grenze kündigt sich mit einem Schild über einem Autoersatzteilladen an, das unmissverständlich behauptet, es würde von einem TANI betrieben. Zum Glück ist der Laden geschlossen, sonst hätte ich noch meinen Verwandten im letzten Nest zuhinterst in Albanien besuchen müssen! Nun also Mazedonien. Zunächst sehr ärmlich in den Dörfern rund um die gestaute Drin, mit sehr traditionell angezogenen Frauen und lästigen Hunden, einmal auch mühsamen Kindern. Die herrliche Schlucht...... Es wird knapp mit der Zeit, die Sonne hat sich bereits aus der Schlucht verabschiedet, ich friere schon um drei Uhr nachmittags jämmerlich, wenn das nur gut kommt.. Natürlich reicht es trotzdem irgendwie, ein weiterer nightride und wir sind in Ohrid und damit im Paradies. Das Hotel Millenium wartet mit einem super Zimmer, Internet-Verbindung und einem kleinen Schwimmbecken auf uns – diesen Luxus haben wir uns verdient und geniessen ihn in vollen Zügen. Mit dem Nachtportier und dem super freundlichen Kellner quatschen wir uns noch bis über die „pumpkin-hour“ und auch am nächsten Morgen nehmen wir es wieder SEHR gemütlich. Nach dem Spaziergang in den malerischen Ort, Erkundigung der Kirchenbauten, Gespräch mit der Mutter zweier vor meine Linse geratener Kinder über ihren Aufenthalt in WINTERTHUR (!), Kartenschreiben im Café an der Piazza im Sonnenschein, nach diesen Verlustierungen ist es ca. 14.00 Uhr, wie wir endlich aufbrechen. Wären wir nur unserer ursprünglichen Idee treu geblieben und wären eine weitere Nacht geblieben.. Wie wir gegen 16.00 Uhr noch immer nicht am Fusse unseres Passes mit ungeklärtem Strassen(Schnee-)zustand sind, fälle ich den Entschluss, auf keinen Fall mehr einen „Angriff“ zu wagen heute. In kürzester Zeit wird das Licht wieder ausgeschaltet und der Eismann losgeschickt... Zum Glück ist Adamo auch nicht wirklich wild entschlossen, sich noch ins Unglück zu stürzen und so brauchen wir „nur“ noch eine Unterkunft. Fast wären wir zum ersten Zeltabenteuer gekommen, ich bin aber mehr als froh, wie wir im allerletzten Moment im untersten Zipfel Mazedoniens vor der albanischen Grenze das Hotel in der historischen Klosteranlage ..... offen vorfinden. Wenngleich der Preis nur als abenteuerlich zu bezeichnen ist und wir als einzige Gäste ein bitterkaltes Zimmer zunächst ohne warmes Wasser beziehen – draussen wäre es noch viel ungemütlicher geworden. Immerhin hab ich einen Heizstrahler aus dem Büro erbettelt und warte nun in gefährlich kurzer Distanz zu den glühenden Röhren auf das warme Wasser. Für einmal ist Adamo der angeschlagenere von uns beiden – er hat sich sofort in seinen Schlafsack verzogen und bibbert nun der Dusche entgegen, während ich zum 10. Mal irgendeine Reklamation oder einen Wunsch im Büro platziere... Scliesslich sind wir doch noch im klösterlichen Speisesaal gelandet und haben ein super Nachtessen genossen. Für 80 Euro einen Schlafsack gebrauchen zu müssen ist zwar nicht gerade „value for money“, aber immerhin können wir nun gestärkt unseren Pass in Angriff nehmen. Er MUSS einfach passierbar sein, wenn nicht, haben wir ein ernsthaftes Problem mit dem rechtzeitigen Erreichen von Thessaloniki... Und wirklich, es lässt sich gut an, das Strässchen windet sich in optimaler Steigung wunderschön den Wald hoch, mit herrlichen Aussichten auf den See und zunächst ohne jeglichen Schnee. Erst wie wir über die Hälfte der ca. 700 (?) Höhenmeter geschafft haben, kommen die ersten im Schatten noch nicht weggetauten schneebedeckten Abschnitte, die aber noch gut zu umfahren sind. Bald wechselt das Verhältnis und nur noch wenige Stellen sind schneefrei, immer wieder ist zwischenzeitliches Stossen angesagt. Wird das gut gehen?? Ja, plötzlich sehen wir die wohl letzte Kurve etwas weiter oben am Hang – zwar dort völlig verschneit, aber wir haben ja die Info, dass es runter eigentlich OK sein sollte. Bald geniessen wir unsere „Eroberung“ mit einem kurzen Picknick auf der Passhöhe neben einem Tempelchen mit den obligaten Zugaben (Kerzen, Oel etc.) – Mazedonien ist schliesslich zu über 90% griechich-orthodox. Das zumindest sollte die Griechen etwas entspannen bezüglich des Namens „Mazedonien“ machen – die lateinische Schrift und die (angeblich oder tatsächliche?) slavische Ethnie der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien wollen sie allerdings widerspricht ihrer Sicht von „mazedonisch“ diametral... Nun, wir lieben das Land von Stunde zu Stunde mehr, dieses Pässchen müsste in jede Liste der velofreundlichsten Uebergänge aufgenommen werden, sowohl was die Anlage der Strasse wie auch die landschaftliche Schönheit anbelangt. Von der Passhöhe sieht man auf einer Seite runter auf den intakten und kaum zugebauten Ohridsee, auf der anderen Seite wartet der ca. 150m höher liegende Prespasee mit seinem völlig freien Ufer, jungfräulich liegt er in einer äusserst dünn besiedelten Landschaft und wartet darauf, von den „Velofahrern die aus der Kälte kamen“ entdeckt zu werden. Dann noch ein langgezogener Hügel und wir sind in Bitola, wo uns bei der Einfahrt das erste Schild mit Aufschrift „Greece“ empfängt... wir kommen der Sache definitiv näher. Und auch diese Stadt hat es in sich, im Schwesterhotel des Millenium in Ohrid steigen wir ab, streunen noch durch den alten Bazar auf der anderen Bachseite, staunen ab den für die heutige moslemische Bevölkerung viel zu grossen alten Moscheen, verpflegen uns in einer mazedonisch unterwanderten Pizzeria mit allerlei lokalen Leckerbissen und beschliessen den Abend bei einem lokalen Bier. In Mazedonien lässt es sich leben, zumal mit den heutigen Wechselkursen.. Bitola als Kreuzpunkt auf der römischen Via Egnatia hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, in der es zwar schon um vieles bedeutender war als heute, die sich aber in einem selbstbewussten Flair bewahrt hat... Die letzten Kilometer auf mazedonischem (former republic of...) Boden beginnen mit einem Besuch in den Ruinen der römischen damals Herkuleum ??) genannten Stadt und enden gegen Mittag an der Grenze zu Hellas – wir sind zurück „in Europa“, die Sterne auf blauem Grund erzeugen tatsächlich so was wie Heimatgefühl in mir...!! ================================================================================ Mail an die Velo-Cracks vom 17.2.08 (Ankunft in der Türkei) ================================================================================ Bin in der Türkei angelangt und sitze seit gestern in einem grässlichen seelenlosen 50’000-Seelen-Kaff fest. Und das kam so: Gestern morgen erstmals 20km direkt gegen den Wind, der mich seit Tagen mal mehr mal weniger nervt und mir auch schon mal den „Verleider“ anhängt. Nicht nur dass er mühsam ist, weil meistens von vorn (Ost) oder meist im 90-Grad-Winkel von Norden – nein, fast noch schlimmer ist, dass er beschi... kalt ist und es ohne Sonne wirklich unangenehm wird. Gegen den Wind also – und mit Schneeschauern dazu – immerhin konnte ich kurz vor der Grenze wieder in einen reinen „Ostanflug“ wechseln, auf die Autobahn (keine andere Möglichkeit) Richtung Istanbul, mit einer einigermassen akzeptablen Reisegeschwindigkeit.. Die Grenze dann die bisher best gesicherte, insgesamt 3x wurde ich kontrolliert, 2x Pass vorzeigen und einmal Packtaschen-Durchsuchung (!). Na ja, nicht allzu genau, aber immerhin, kommt nicht alle Tage vor.. Die „Pass-Grenzer“ lieferten hingegen eine gute Visitenkarte für den Staat mit dem allerorts gehissten Halbmond auf rotem Grund – dank des Windes munter flatternd und schon von sehr weitem (Griechenland..) sichtbar – sie heissen mich Willkommen, begleitet von einem Spruch â la „are you crazy“? Alle sprechen vom schlechten Wetter, und ich bin immer etwas besorgt deswegen, in den kommenden 2 Stunden weiss ich auch warum.... Noch immer nur otoban (die Türkei hat viele deutsch Ausdrücke „integriert“..), immerhin mit ausufernd breitem Pannenstreifen, viel Platz, um das Katz- und Mausspiel mit den Autos ohne grosse Gefahr bestehen zu können – die überholenden Wagen (vor allem LKW) durchbrechen den brutalen Seitenwind und erzeugen dadurch einen Sog hin zu ihnen, nur um einen dann wieder wegzustossen gegen Ende des Ueberholvorganges. So wäre die Kälte, der ins Gesicht peitschende Schneeschauer und die Windböen ja noch auszuhalten gewesen – doch dann begann der Pannenstreifen zuzumatschen, erst einfach unangenehm (nass, dreckig, anhänglich), alsbald gefährlich wie er zu gefrieren begann. Zusammen mit der Schräglage zum Ausgleich des Windes (ca. 80km/h) tödlich... Also auf die eigentliche Fahrspur, die wollten aber auch die Autos nicht mehr verlassen, da Ueberholspur ebenfalls mit Schneematsch bedeckt.. Einige brenzlige Situationen später war eine leise Panik nur mehr schwer zu unterdrücken, umso mehr, als auch die Fahrspur selbst immer enger wurde bzw. Schnee ansetzte.. Dazu weit und breit weder eine parallele Strasse noch eine Ortschaft, immerhin wusste ich, es müsste in einigen Kilometern eine Stadt kommen, eben das Kaff, in dem ich nun festsitze. Selten war ich so glücklich, ein Ausfahrt erreicht zu haben und eine Etappe vorzeitig abzubrechen (nachmittags um ca. 14.30 Uhr). Nur, das Zentrum liegt weit oben auf dem Hügel, und das Velo war so eingeist wie ich selbst, sprich rund um die Kränze ein dicker Panzer aus Dreck und Schnee, vorübergehend ging gar nix mehr. Erst stossend und dann den Göppel zumindest auf einem einzigen Gang wieder fahrbar gemacht weiter – doch was für ein buchstäbliches Dreckkaff, nur grässliche Wohnblocks und dazwischen mit Dreck versetzter Matsch, der von den Autos über alles ausgebreitet wird, was sich innert 2m links und rechts der Strasse nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Noch bin ich zuversichtilich, irgendwo ein anständiges Zentrum zu finden – doch Fehlanzeige, die ganze Stadt ist irgendwie im Umbau.. Also zurück zur otoban, da gabs an der Kreuzung ein Burger-King, ein MM Migros (unabhängig, aber teilweise mit echten Migros-Produkten!) und ein Hotel. Mein Zufluchtsort, meine Burg, mit wireless Internet sowohl im Burger-King wie auch auf dem Zimmer, Nachtessen im zweiten Supermarkt an der Ami-mässigen Strassenkreuzung, inkl. einigem Hallihallo mit den Angestellten von zwei der Foodstände, SF Info auf dem Satelliten-TV, heisser Radiator im Zimmer, zumindest Schuhe und Taschen sind auch bald gereinigt – alles wieder im grünen Bereich. Dann in der Nacht ständiges Pfeiffen des Windes, Prognose gemäss Internet noch lausiger für heute – und so ist es auch gekommen. Zwar kein Schnee mehr, aber noch stärkere Böen, zudem nun noch stärker von Ost... Ich strecke die Waffen und buche für eine weitere Nacht, immerhin bin ich ja kommunikationsmässig geradezu luxuriös bedient.. Darum auch dieses lange Mail.. Und eben war ich je eine Stunde mit meinen Schwesterchen am Draht bzw. am Skypen... hier auf dem Bett liegend, völlig kostenlos!! Damit wären Dbox-Kunden, Nethorizon Admin und WintiNet zumindest mal wieder besprochen.. So, jetzt aber genug für den Moment. Muss jetzt die SF-Sportschau (!) schauen und mich dann geistig darauf vorbereiten, dass es morgen weitergeht, obwohl der Wetterbericht den bisher abgeschwächten Wind inzwischen doch noch weiterblasen lassen will.... Wünsche euch einen schönen Abend, eine super Woche und generell eine gute Zeit! Armin schon mal alles Gute für den Umzug und für Turi wie immer ein herzliches SAPperlot! Hardcore-Velogrüsse Roberto PS: Dem Ort selbst hab ich übrigens nochmals eine Chance gegeben.. Auch diese hat er nicht genutzt. Zwar kein nasser Matsch mehr, dafür nun Sandsturm durch alle Gassen, ich weiss wirklich nicht, woher all der Dreck kommt.. Auf jeden Fall knirscht der Sand noch jetzt zwischen den Zähnen und das Gesicht ist frisch sandgestrahlt.. ======================================================= Istanbul, 28.2.08 ======================================================= Istanbul, 28.2.2008, Frühstücksterrasse des Hotels Megara, in dem ich nun schon seit einer Woche ein temporäres zuhause gefunden habe. Von dieser Sicht über die Marmarabucht und die Einfahrt in den Bospurus könnte ich süchtig werden – so zu wohnen wäre ein Traum, natürlich nur, wenn das ganze Setup innert der Stadtgrenze von Winterthur zu haben wäre.... Die Sonne scheint immer sehr tief zu stehen hier, Schattenspiele und in gleissendes Silber verwandeltes Meer werde ich wohl für immer mit dieser unglaublichen Stadt verbinden. Vor den sich vom Ufer zum Hügel hoch ziehenden Stadtmauer mit ihren zahlreichen quadratischen Türmen, majestätisch aber nicht „aufgemotzt“, ganz selbstverständlich genutzt als Rückseite für daran angebaute Holzhäuser und oft „verziert“ mit angeschraubten Klimaanlagen und weiter oben den Topkapi-Palast beschützend, vor dieser Mauer ziehen lautlos riesige Kähne auf dem Weg zum Schwarzen Meer vorbei, gekreuzt von wieselflinken Passagierbooten und Fähren sowie kleineren Fischerbooten. Eben jetzt schiebt sich eines der Seeungeheuer unseres globalen Handelszeitalters durch mein Gesichtsfeld.... Nicht dass hier oben alle Geräusche in Watte gepackt wären, im Gegenteil, das wird geschweisst und gebohrt, die steile Strasse zwingt die Autos zu heulenden Drehzahlen und vor allem der Lautsprecher-Muzzein hat keinerlei Erbarmen mit atheistischen Langschläfern... Immerhin hat er heute Morgen kurz die Sprache verloren – Stromausfall.. ! Bald kenne ich mich selbst nicht mehr, ich lebe regelrecht in den Tag hinein, setze mich wo immer möglich in die wärmende Sonne, wohl um Schnee, Wind und Kälte der letzten Wochen zu kompensieren, bin ziemlich entspannt bezüglich der „sites“ die ich noch besuchen sollte vor meiner Abreise und erst allmählich konkretisiert sich mein Aufbruch und damit die Rückreiseroute. Der trotzt wieder aufgeflammter Erkältung in jeder Hinsicht schöne Besuch von Ursi, der lose Kontakt mit Mattijes, meinem Mitkämpfer bei der „Eroberung Istanbuls“ auf zwei Rädern, stundenlanges Philosophieren, gestern Kinobesuch (directorts cut eines franz. Films aus 1973) und anschliessendem Jazzclub-Abstecher mit Adamos Freundin Handan – La vita e bella! Cok güzel ist auch die Stadt als solche, uralt und brandmodern gleichzeitig, je nach Quartier und nach Lust, das eine oder andere in den Vordergrund zu rücken. Hier gibt es wohl einfach gar nichts, was es nicht gibt, sowohl bezüglich Warenangebot (vom gediegenen gedeckten Bazar, über Strassenstände zu Boutiquen und Einkaufsmalls), Kultur, Essen, Kleidung, Architektur, Stimmungen, Gerüche – alles ist im Uebermass vorhanden, nicht 100 Schmuckketten in einem Bazarladen, sondern abertausende, nicht ein Laden für ein bestimmtes Produkt, sondern ein Dutzend davon unmittelbar nebeneinander, nicht drei nette Beizchen sondern ganze